Worin besteht eine Grenze und, im Falle der geografisch-politischen, in welcher Position lässt eine Grenze sich verorten? Dieser Frage und den historischen Grenzbeschreitungen unterschiedlicher Motivation geht der Essay Lauter Grenzen anhand des heute französischen Grenzstädtchens Wissembourg/Weißenburg an der Lauter nach. Die an Wandlungen reiche Geschichte des Ortes und des Elsass im Ganzen erlaubt es, ein Bild aus Sinnüberlappungen zu knüpfen, das, so gemahnt uns die Gegenwart, kein festgefrorenes bleiben kann. Was also machen Grenzen mit uns, auch dann, wenn sie im Grunde verschwunden scheinen?

Lauter Grenzen

Die Grenze liegt kaum einen Kilometer entfernt. Aus meinem Fenster sehe ich die Weinberge zum Horizont hin verschwinden. Dahinter, die andere Seite. Aber liegt sie denn, eine Grenze? Liegt sie uns auf dem Gemüt? Steht sie oft nicht eher, wie es die Berliner Mauer tat, wie unzählige neue Bollwerke aus hartem Guss, voller nadelspitzem Draht? Brachiales, ja, das steht und droht und klotzt gegen zartes Fleisch, eine Membran voller abprallender Sehnsüchte. Eine Grenze, hängt sie nicht auch über den Köpfen, bereit wie ein Schwert? Und wenn nicht, dann sitzt sie uns doch im Nacken, sobald wir uns wegdrehen, pas vrai ? Eine Grenze, ganz politisch, das ist, was wir uns vorstellen, wenn wir an die Trennlinie denken zwischen Nationalstaaten, diese Blutsaat der letzten beiden, der versickerten Jahrhunderte. Die Frage bleibt wohl, in welcher Form wir sie verorten.

Seit dem jüngsten meiner vielen Ortswechsel über Grenzen und Konventionen hinweg lebe ich im Elsass – und blicke auf Deutschland. Ganz konkret.

Das Grenzstädtchen Wissembourg, das die Deutschen Weißenburg und die Elsässer wahlweise Weisseburch oder Wisseburi nennen, war in fernen Zeiten stolze Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches (zeitweilig als Kronweißenburg bekannt) und Mitbegründer der Dekapole. Ein Zehnstädtebund zur gemeinschaftlichen Verteidigung und als Abgrenzung zu einstigen feudalen Abhängigkeiten.

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Essay erschienen in der Frühjahrsausgabe von BAWÜLON, Heft Nr. XXX, 2026 https://www.bawuelon.com/  Im Buch- und Zeitschriftenhandel erhältlich.